Marmorkünstlerin Julia Genet

Die Künstlerin Julia Genet vom Tomàs Avinent Atelier hält mit ihrer Arbeit in ihrem kleinen Pariser Atelier die Tradition des Marmorpapiers aufrecht.

WIE KAM ES ZU DEINEM INTERESSE FÜR DAS MARMORPAPIER UND WIE HAST DU DIESE KUNSTFORM ERLERNT?

”Das Marmorieren ist eine Maltechnik, die traditionell in der Buchbinderei verwendet wird. Ich studierte Kinematografie und wusste nichts über Handwerkskünste oder die Welt der Bücher. Ich entdeckte diese Maltechnik dank eines Videos, auf das ich gestoßen bin, als ich mich beim Surfen im Internet verloren hatte. Diese Fertigkeit faszinierte mich, dieser Tanz der Farben im Wasserbad, die Bewegungen der Motive ... es fesselte mich und es schien so einfach, es nachzumachen. Ich versuchte dann ebenfalls, die Farben zum Fließen zu bringen, und erkannte schnell, dass die scheinbare Einfachheit dieser Technik irreführend war. Darauf folgte ein langer autodidaktischer Weg, um dieses Handwerk zu beherrschen. Ich suchte überall im Internet nach Informationen, experimentierte mit verschiedenen Arten von Farben, ließ mich in gehobenen Kunstgeschäften beraten – bis ich schließlich die erhofften Ergebnisse erlangte. Es handelte sich um eine lange Zeitperiode, die sowohl von Frustration als auch von Zielstrebigkeit geprägt war. Ich wusste nicht, dass ich derart hartnäckig sein kann. Dann perfektionierte ich meine Ebru-Technik – eine der Marmoriertechniken, die ihren Ursprung in der Türkei hat.”

 

 

“Ist für mich klar, dass es mir Freude bereitet, mit Substanzen zu arbeiten und mit den Händen zu fertigen”

 

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WAS SIND IHRE INSPIRATIONSQUELLEN UND WIE ERHALTEN SIE NEUE IDEEN?

”Ich weiß nicht recht, wo meine Inspiration herkommt. Doch von abstrakten Zeichnungen und zeitgenössischen Fotografien, womit ich mich auch beschäftige, bin ich bestimmt beeinflusst. Ich bin ständig dabei, dieses Know-how zu erlernen und damit zu experimentieren. Es verhält sich ein wenig so, dass ich die Phase der Forschung und Entwicklung nie wirklich verlasse. Ich versuche, diese Technik mit Collagen und Vergoldungen zu kombinieren, sowie neue Muster und Farbmischungen auszuprobieren. Es mangelt nie an neuen Ideen.”

 

WIE LANGE VERFÜGEN SIE SCHON ÜBER IHR EIGENES ATELIER?

”Ich habe mein eigenes Atelier seit dem Frühjahr 2017. Und ich erinnere mich heute noch deutlich an die Freude, die ich damals in diesem Raum verspürte. Denn es ist sehr schwierig, in Paris ein Atelier zu finden. Meinen eigenen kreativen Raum zu haben, was für ein Glücksgefühl!”

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KÖNNEN SIE UNS EIN BISSCHEN MEHR ÜBER IHREN GROßVATER ERZÄHLEN?

”Tomàs Avinent war mein Urgroßvater. Ich kannte ihn nicht, aber meine Großmutter hat ihn immer als sanftmütigen und kultivierten Mann beschrieben. Er war der einzige in der Familie, der perfekt lesen und schreiben konnte. Er war Schriftsetzer bei einem Zeitungsverlag in Barcelona. Seine Arbeit erfüllte meine Großmutter immer mit etwas Stolz. Ich habe mich dazu entschieden, mein Atelier „Tomàs Avinent“ zu nennen, als Hommage auf diesen Mann, den ich gerne kennengelernt hätte, sowie auf die Handwerkskunst und die Typografie – zwei Leidenschaften – und um meine spanische Herkunft zu unterstreichen.”

 

AUF WELCHE WEISE ARBEITEN SIE MIT FARBKOMBINATIONEN UND WIE FINDEN SIE DIE RICHTIGE NUANCE?

”Das geht relativ intuitiv vor sich. Es gibt Verschmelzungen, die mich auf Anhieb verzaubern, und andere, die einen falschen „Klang“ haben. Ich begann mit den Übungen von David Hornung, die er letztes Jahr in seinem Buch „Colour“ zur Farbtheorie präsentierte. Seither ist meine Wahrnehmung von Farbton, Sättigung und Helligkeit detailreicher geworden. Die Kombinationen, die ich vorziehe, haben einen schmalen Wertebereich, um das Vokabular David Hornungs zu verwenden. Im Rahmen eines Auftrags erhalte ich normalerweise Farbreferenzen und schaffe Schattierungen von meinen primären Pigmenten, um so nah wie möglich an die Referenz heranzukommen. Dieser Schritt kann eine lange Zeit in Anspruch nehmen!”

 

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“Diese Fertigkeit faszinierte mich, dieser Tanz der Farben im Wasserbad, die Bewegungen der Motive...”

LASSEN SIE SICH LEICHT VON TRENDS BEEINFLUSSEN?

”Ich habe den Eindruck, dass das nicht der Fall ist. Aber ich bin – wie viele andere Menschen auch – so voll von Bildern, dass ich mir kaum vorstellen kann, in meiner Arbeit nicht davon beeinflusst zu werden. Wie auch immer, es gehört nicht zu meinen Vorhaben und es ist nicht meine Herangehensweise, Trends zu folgen, um Geschmäcker zufriedenzustellen.”

 

VIELE KÜNSTLER HEUZTAGE SCHAFFEN IHRE KUNST AUF DIGITALE ART UND WEISE. SIE BESTEHEN ABER WEITERHIN DARAUF, ALLES VON HAND ZU ERSTELLEN. WARUM STELLT DIES EINE BESONDERE ART UND WEISE FÜR IHRE KUNST DAR?

”Es war speziell die Marmoriertechnik, ihr Prozess und ihr Resultat, die mich ansprachen, daher hat sich diese Frage nie für mich gestellt. Es können digitale Muster erstellt werden, mit denen das Wesen der Bewegungen in der Marmorierung nachgeahmt wird, doch die Voluten und Arabesken, die dank der Flüssigkeit des Wasserbads entstehen, sind virtuell sehr schwierig zu reproduzieren. In Bezug auf die Frage der digitalen gegenüber der Handarbeit: Es sind verschiedene Werkzeuge. Doch ich bin nicht dagegen, die Ansätze können die gleichen sein. Davon abgesehen ist für mich klar, dass es mir Freude bereitet, mit Substanzen zu arbeiten und mit den Händen zu fertigen. Es hilft mir, mich im Moment zu verankern.”

 

WO FÜHLEN SIE SICH AM MEISTEN ZU HAUSE?

”Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich mein tägliches Leben in eine Art von Wohlklang gebracht habe, in eine Gewohnheit, die es zulässt, meine Umgebung zu etwas Vertrautem und Geliebtem zu machen. Diese Vertrautheit gibt mir Sicherheit und verleiht mir die Freiheit, in dieser Welt alle möglichen Dinge zu erleben.”

 

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