Das Schlafzimmer von Amélie Pichard

ES BRAUCHT EIN GANZES DORF, um ein Kind großzuziehen. Im Fall der Designerin Amélie Pichard braucht es ein ganzes Dorf, um eine Schuh- und Accessoire-Marke unter eigenem Namen zu betreiben. Obwohl sie vor zehn Jahren nach Paris – dem Epizentrum des Modeuniversums – gezogen ist, hat Amélie Pichard die Mentalität und die Lebensweise des Dorflebens bewahrt.

ES BRAUCHT EIN GANZES DORF, um ein Kind großzuziehen. Im Fall der Designerin Amélie Pichard braucht es ein ganzes Dorf, um eine Schuh- und Accessoire-Marke unter eigenem Namen zu betreiben. Obwohl sie vor zehn Jahren nach Paris – dem Epizentrum des Modeuniversums – gezogen ist, hat Amélie Pichard die Mentalität und die Lebensweise des Dorflebens bewahrt.

Die kleine Straße Rue de Lappe bildet die Kulisse für ihr urbanes Dorf, und wenn sie täglich zu Fuß die paar hundert Meter von ihrer Wohnung zum Laden geht, tut sie dies mit derselben Beiläufigkeit, mit der man von einem Zimmer ins andere wechselt. Die Rue de Lappe war der erste Ort, an dem sie gewohnt hatte, nachdem sie nach Paris kam, um Mode zu machen.


Wie zu Hause

Die Sonne scheint hell an diesem frühen Herbstmorgen, an dem wir Amélies kleines Dorf im Zentrum von Paris besuchen. Als sie damit begann, an der Modeschule zu studieren, war sie sich sicher, dass sie für sich den perfekten Platz in der Welt gefunden hat, erzählt sie. Aber nach dem Abschluss des Studiums merkte sie bei ihrem ersten Job bei einer Modemarke, dass diese Art der Arbeit einfach nichts für sie war. Sie wollte zurück zu den Wurzeln und deshalb begann Amélie zu lernen, wie man Schuhe auf altmodische Art und Weise herstellt. Ein orthopädischer Schuhmacher brachte ihr schließlich alles über das Handwerk der Schuhmacherei bei. Sie blieb dort für sechs Monate, und ihre Karriere erlebte einen Kickstart, nachdem sie bei einem Wettbewerb einer großen Modemarke für die Gestaltung eines Schuhs den ersten Platz erlangte. Obwohl Zeit ein Problem darstellte, wandte sie sich an die einzige verbleibende Schusterin in Paris, Madame Germaine, und bat sie darum, ihre erste Kollektion zu erschaffen. Madame Germaine schloss die kleine Fabrik während der Herstellung der ersten offiziellen Amélie-Pichard-Linie, doch ihre Anerkennung und Bewunderung für die traditionelle Handwerkskunst blieben in ihrer Arbeit von entscheidender Bedeutung.

Im Inneren der kleinen Wohnung im obersten Stock in der Rue de Lappe, wo sie auch lebt, wurde ihre Marke ins Leben gerufen. Dieser Ort war ihr Lebensmittelpunkt und wurde für die Arbeit, für Partys, zum Schlafen und für Treffen mit wichtigen Partnern genutzt. Später kam sie zu einer kleinen Maisonette im schönen Innenhof, die sie in ein Büro verwandelte. Nachdem sie expandieren konnte und nun auch Mitarbeiter hat, die sie mit der wachsenden Anzahl an Aufgaben und Aufträgen unterstützen, dient dasselbe Büro auch als Lager. Weiter unten in der Straße ist ihr glanzvolles Reich mit der humoristischen Mode in einem kleinen Laden mit hellgrüner Fassade untergebracht. Es ist mit all dem dekoriert, was Amélie auch selbst gefällt.

 

 

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“Mein ganzes Leben lang wollte ich Dinge nach meiner eigenen Überzeugung tun.”

 

 

„Mein ganzes Leben lang wollte ich Dinge nach meiner eigenen Überzeugung tun. Ich wollte einen Ort schaffen, der mehr ist als ein Geschäft. Heute ist mit Instagram und dem Internet alles virtuell. Mein Lager ist virtuelle Realität. Ich nenne es Chez Pichard – und ich möchte, dass man sich darin wie zuhause fühlt. Es soll ein Ort sein, zu dem einige kommen, um etwas zu trinken, während andere kommen, um Schuhe zu kaufen,“ sagt Amélie.

Das ist der Grund, warum der Laden kein gewöhnlicher Shop ist. Zusätzlich zu den großen Spiegeln an der Rückwand werden die Besucher von einem mit Kunstfell bedeckten Kingsize-Bett begrüßt. Als der Laden zum ersten Mal geöffnet wurde, war alles in rosa Satin gehüllt – es ist vorgesehen, die Einrichtung zu jeder Saison zu ändern.

Sie eröffnete den Shop, als sie sich dazu entschied, die Modebranche zu verlassen: keine Einzelhändler und saisonalen Kollektionen mehr, und vor allem der Abschied vom hohen Tempo und vom Stress, den die Fashion Week stets mit sich gebracht hatte. Auch wenn das Unternehmen von der obersten Etage ins Erdgeschoss zieht, geschieht dies mit einem großen Schild am Straßeneingang und im Einklang mit dem Tempo und der Stimmung von Amélies Arbeitsweise.


Traditionelles Savoir-faire

Amélie hatte sich auferlegt, das traditionelle Handwerk des Designs zu erlernen, als sie mit einem der verbleibenden Bewahrer der französischen Schuhmacherei zusammenarbeitete. Heute sind die Relikte jener Monate, die sie damit verbrachte, Schuhe von Hand zu fertigen in jedem kleinen ihrer Schritte verankert, von der ersten Idee bis hin zu den fertigen Schuhen in ihren Regalen: „Wenn ich mit Leder arbeite, möchte ich wissen, wie das Leder hergestellt wird. Im Idealfall würde ich dort leben, wo die Kuh ihr Leben verbrachte, und würde selbst wissen, wie das Leder gegerbt wird,“ sagt Amélie. Es ist mir wichtig, mit meiner Kunst vertraut zu sein, und das von den Anfängen in der Fabrik bis hin zum Laden.“

 

”Ich mag Mode eigentlich nicht. Ich mache Mode, aber ich will nicht Teil des Mode-Systems sein,"

 

Als Modedesignerin – und als erfolgreiche noch dazu – mit dem System sozusagen zu brechen, stellt keine einfache Wahl dar. Und sie ist sich der Tatsache immer noch sehr bewusst, dass sie weiterhin ein Teil des Systems ist, auch wenn sie nicht mehr aktiv an der jährlichen Fashion Week teilnimmt. Doch sie versucht, es Schritt für Schritt anzugehen, um dem hohen Tempo und den unzumutbaren Anforderungen des Marktes zu trotzen. „Viele Dinge ändern sich,“ sagt Amélie. Sie bezieht sich dabei auf die Art, wie wir Dinge produzieren, vor allem die Kleidung, „Ich mag Mode eigentlich nicht. Ich mache Mode, aber ich will nicht Teil des Mode-Systems sein,“ erklärt sie.

 

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Das Leben der Kontraste

Das Festhalten an Traditionen, während sie sich dem modernen, innovativen Design widmet, ist symptomatisch für den Prozess und die Art und Weise, mit der Amélie ihr ganzes Leben organisiert hat: Es steckt voller Kontraste. „Ich schätze Traditionen und ich schätze die Innovation. In meiner Kollektion versuche ich also, diese beiden Elemente zu vereinen,“ führt Amélie weiter aus.

 

”Alles steht immer in Kontrast zueinander. Ich weiß, es ist das beste Klischee, doch ich mag es, eine Frau aus der Perspektive des Mannes zu sehen.”

Dieses Leben voller Kontraste wird auch über ihre Arbeit hinaus offenbar; etwa das Spiel mit den Klischees, denn nichts bei Amélie ist genauso wie es scheint, und sie ist in der Tat keine typische Pariserin. Sie ist ein Star der Modewelt, doch sie verabscheut die Industrie und geht nie shoppen. Sie lebt inmitten einer der aufregendsten Städte der Welt, geht an den Wochenenden jedoch selten aus. Sie ist innovativ, hat aber eine Leidenschaft für die Tradition. Zudem wohnt in ihr diese erstaunliche Kombination der französischen Eleganz mit Humor. „’Weniger ist mehr. Doch zu viel ist cool.‘ Die Architektin meines Shops, Marion Mailaender, sagte das einmal zu mir,“ schildert Amélie über die Art und Weise, wie die Marke Stil und Ausdruck in Balance hält. „Alles steht immer in Kontrast zueinander. Ich weiß, es ist das beste Klischee, doch ich mag es, eine Frau aus der Perspektive des Mannes zu sehen. Ich arbeite viel mit Weiblichkeit, Modernität, Klischees und Humor.“ sagt sie über ihre künstlerische Vision für ihre Marke und fügt lachend hinzu: „Es sieht aus wie ein Unternehmen mit nackten Mädchen, doch dahinter gibt es eine Menge zu verstehen.“

Das Bett wurde nicht nur zum Symbol für ihren Shop, sondern es ist auch das Zentrum ihres persönlichen Universums. „Ich brauche mindestens einen Tag am Wochenende, an dem ich nur mit einem Buch und meinen Katzen im Bett liege“, gesteht sie. „Das einzige, was ich an den Wochenenden wirklich tun kann, ist zum Floristen zu gehen, um eine neue Pflanze zu kaufen, und etwas Gutes zu essen. Ein bisschen Natur hereinholen, weißt du?“ sagt Amélie, als eine ihrer Perserkatzen auf ihren Schoß springt – ein perfektes Bild ihrer Traumwohnung: „Ich könnte nicht ohne Pflanzen leben, und ein Zuhause ist kein Zuhause ohne Katzen. Ich denke immer noch, dass Paris der ideale Ort zum Wohnen ist; und obwohl wir versuchen, die perfekte Wohnung zu gestalten, ist der perfekte Ort in Wahrheit aber in der Natur.“

 

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