Zu Hause bei Jenn Chang

Die in New York ansässige Architektin Jenn Chang studierte ursprünglich Wirtschaft, bevor sie vor 10 Jahren auf einem Sommerkurs für dänisches Design zu ihrer eigentlichen Berufung fand.

Aktuell arbeitet Jenn als Creative Director bei Common Living, einem Coliving-Start-up an der Verbesserung des städtischen Wohnungsbaus mithilfe von datengesteuertem Design sowie als Lehrbeauftragte an der Columbia University.

 

LEBEN IM LOFT

Es ist kaum verwunderlich, dass Jenns Arbeit auch ihr eigenes Zuhause prägt. Ihre Bürozeiten verbringt sie mit Nachdenken darüber, welchen Bezug Menschen zu den Räumen haben, die sie bewohnen – nicht nur hinsichtlich der Funktionen, sondern auch sozialen Interaktionen. „Ein gutes Zuhause ist für mich ganz einfach ein Ort, der den Menschen dient, die darin leben. Doch die Räume an sich machen nur die Hälfte aus. Denn es ist die reiche Sammlung an persönlichen Dingen, die ein Heim ausmacht“, sagt sie. Ihre Wohnung in New York City bot ihr dazu den perfekten Hintergrund: Der 1,5-Zimmer-Loft befindet sich in einem Gebäude von 1886, das einst als Schulhaus für straffällige Mädchen genutzt und später in ungewöhnliche, fast kubische Wohnräume umfunktioniert wurde. Während das ehemalige Klassenzimmer bescheidene 96 m2 groß ist, verleihen die beeindruckende 4,2 m hohe Decke und die besonders großen Panoramafenster das Gefühl eines ausgedehnten, luftigen Raums.

 

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WENN DIESE WÄNDE SPRECHEN KÖNNTEN

Viele Menschen, die Jenn besuchen kommen, sind überrascht über ihren relativ spärlichen Wohnraum, aber sie merkt an, dass die wichtigsten Gestaltungselemente wie Grundriss, Proportionen, Licht und Luft bereits vorhanden sind. „Ich denke, dass Architektur mit einfachsten Elementen viel Wohlbehagen schaffen kann, und ich wollte diese Tatsache für sich selbst sprechen lassen. Ich bemühe mich, mein Zuhause und mein Leben minimal zu halten und nur Dinge anzuschaffen, die mir viel bedeuten.“ Auf diese Weise hat sie auch einen vielseitigen Raum mit Kapazität für große Dinnerpartys – „für 22 Personen!“ – oder gemütliche Treffen in kleinerem Rahmen. Sie studierte Design in Kopenhagen und arbeitete in Tokio und schätzt sowohl Skandinavien als auch Japan für den Weniger-Ist-Mehr-Stil. Dabei vertraut sie für gute, einfache Zimmererarbeiten in ihrem Loft auf die Handwerkskunst anstatt auf prätentiöse Luxusausführungen. Für den markant-freundlichen Hintergrund wurden einfache Gipskarton- und Ahornplatten sowie rauer, unbearbeiteter Beton verwendet. Den Kontrast dazu bilden maßangefertigte Akzente aus schwarzem Stahl, die in Zusammenarbeit mit ihren Freunden im Designerstudio Kin & Company in Brooklyn hergestellt wurden.

 

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HELLE, GLÄNZENDE OBJEKTE

„Möbel und Objekte sind ein großartiger Ort, um interessante und kontrastreiche Formen, Profile, Farben und Materialien einzusetzen“, sagt Jenn. Ein typisches Beispiel dafür sind glänzendes farbiges Glas, Kupferelemente, Neonfarben und übertrieben dicke und flauschige Wollteppiche und Polsterhocker. Viel Inspiration für ihre Einrichtung bekommt Jenn von ihren kreativen Freunden und Arbeitspartnern. Als Einkaufstipp empfiehlt sie unter anderem, bei den lokalen New Yorker Herstellern Muster zu kaufen. „Ich bin in der Regel von Gegenständen oder einem Design mit einer Hintergrundgeschichte angetan. Außerdem mag ich Dinge mit Gesichtern“, sagt sie, während sie auf einen Übertopf mit 3D-Wirkung neben dem Bett zeigt. Etwas, nach dem sie immer noch auf der Suche ist, ist ein großes abstraktes Bild für eine ihrer großen weißen Wände. „Aber ich finde immer mehr Gefallen an den leeren Wänden und womöglich bleiben sie auch so“, sinniert sie. „Ich habe Glück, dass ich mein eigenes Zuhause gestalten konnte. Ich lebe in meiner Arbeit! Es ist eine ständige Erinnerung an meine Arbeit, meinen Stil und meine Persönlichkeit als Designerin.“

 

„Ich bemühe mich,
mein Zuhause
und mein Leben minimal
zu halten und nur Dinge anzuschaffen,
die mir viel bedeuten.“

 

DER KOMFORT EINES ZUHAUSES

Ihr Elternhaus in Taiwan, wo sie aufgewachsen ist, war eine Mischung aus östlichen und westlichen Einflüssen. Die Mahlzeiten hatten einen hohen Stellenwert und Jenn setzte die Tradition mit einem großen Esstisch als Treffpunkt in ihrem Zuhause fort (sie serviert dort hausgemachte taiwanesische Mahlzeiten). Frische Bettwäsche in klaren Farben und Mustern und eine einzigartige Sammlung von Geschirr für den täglichen Gebrauch sind ebenfalls Mitbringsel aus ihrer Kindheit. Ihr Zuhause ist gefüllt mit Dingen, die eine Geschichte haben: ein 25 Jahre alter Teddybär, der stolz auf dem Bett sitzt; ein Couchtisch aus Holz, der in einem Tischler-Workshop hergestellt wurde, und ein preisgünstiger Kronleuchter mit Fake-Geweih, den sie in einem Second-Hand-Shop erstand, „als ich 2010 einen sehr schlechten Tag hatte. Die meisten meiner Möbel und Objekte sind aus zweiter Hand oder beschädigt“, merkt Jenn an.

 

 

Außerdem nutzt sie den aktuellen Trend, herkömmliche Bauelemente wie Sockelleisten und Zierleisten zu verwenden, um Mängel zu überdecken. „Sie erfüllen sowohl eine höchst praktische Funktion und gleichzeitig auch eine dekorative. Ich arbeite derzeit auch an einem anderen Projekt, einer sehr kleinen Hütte im Wald, in der man auch einiges davon sehen wird.“ Von ihren Reisen nimmt sie gerne Geschirr oder Textilien mit und ihr Zuhause und ihre Arbeit werden auf natürliche Weise miteinander verflochten. „Das Loft zeigt sich morgens am schönsten, wenn das Sonnenlicht durch die Fenster strömt. Ich liebe es, meinen Kaffee zu trinken, während ich am Esstisch meine E-Mails durchgehe. Und bevor ich das Haus verlasse, gieße ich noch alle meine Pflanzen. Nach der Arbeit ziehe ich mir meistens ein Hauskleid an und verbringe meine Zeit unter der Decke. Am Wochenende koche ich normalerweise irgendetwas in der Küche.“ Wer ist der ideale Gast von Jenn? „Meine Mutter. Ich wünschte, sie würde mehr Zeit mit mir in meiner Wohnung verbringen!“

 

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“Ein gutes Zuhause
ist für mich
ganz einfach ein Ort,
der den Menschen dient,
die darin leben.
Doch die Räume
an sich machen
nur die Hälfte aus. ”

 

Jenn Chang lebt im Soho, New York.
Jenn ist Creative Director bei Common Living, wo sie Studien über das Zusammenwohnen und die Wohn- und Immobilienkrise im Allgemeinen durchführt. Sie unterrichtet auch „Fundamentals of Urban Digital Design“ (dt. Grundlagen der digitalen Stadtgestaltung) an der Columbia University im Rahmen des Studienprogramms „Urban Planning“.

www.jennchang.com
@jennchang0