Wilkommen Zuhause - Agnese Kleina

Agnese Kleina, Riga. Die fesselnde Geschichte in Riga, der Hauptstadt Lettlands, ist an jeder Ecke zu spüren. Schöne Jugendstilgebäude sind Seite an Seite mit einfachen, Holzhäusern vorzufinden. Beide erzählen sie durch ihre im Laufe der Zeit abgenutzten Fassaden die Geschichte vergangener Zeiten...

Als die größte der drei baltischen Hauptstädte kombiniert Riga den Glanz und die Tragödien der Vergangenheit mit einer blühenden Jugend- und Kunstszene. Inmitten dieser Atmosphäre befindet sich Agnese Kleina, die inspirierte und inspirierende Herausgeberin und Eigentümerin der preisgekrönten Konzeptzeitschrift Benji Knewman. Sie stellt zugleich eine zentrale Figur in der lettischen Kunstszene dar.

Da es keine Gegensprechanlage gibt, kommt sie von ihrer Penthouse-Wohnung im sechsten Stock herunter und begrüßt uns auf der Straße. Derzeit überblickt ihr Zuhause die von der Blüte des Frühlings geprägte Stadt. Eine breite Treppe führt zu einem Eisentor, das an die aristokratische Zeit erinnert, zu der das Gebäude errichtet wurde. Während des Rundgangs durch ihre Wohnung erzählt sie uns von der Schüchternheit und Zurückhaltung der Letten. Auf detaillierte und poetische Weise berichtet sie über ihr Leben und davon, wie sie mit ihrer beeindruckenden Kunst, Pflanzen, ihrer Schuh- und Hutsammlung ein persönliches Museum erschaffen hatte. 

 

 

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“Eines Tages beschloss ich also, es zu ändern.”

 

 

Wie bist du in dieser prachtvollen Wohnung gelandet?

Einst las ich dieses Interview mit Art Garfunkel von Simon & Garfunkel, der jedes Jahr Europa besucht. Er drückte diese eine Sache aus, die sich in meinem Kopf festgesetzt hat: Es ist wichtig, nie von sich selbst gelangweilt zu werden. Vor ein paar Jahren führte ich ein Leben, das ich so nicht haben wollte. Eines Tages beschloss ich also, es zu ändern. Meinen Job zu kündigen, mir eine neue Wohnung zu suchen und das zu tun, das mir am Herzen lag. Ich hatte das Glück, diesen Ort hier zu finden. Es war nur ein Eintrag in einer lettischen Anzeigenplattform. Die Bilder waren so schlecht, dass niemand vorbeikam, um die Wohnung zu besichtigen. In dem Moment, als ich durch die Tür kam, konnte ich bereits die schönen Details erkennen, die hier vorlagen. Ich kannte den Mann, der die Bilder gemacht hatte, und dankte ihm eine Million Mal dafür, derart miese Fotos geschossen zu haben. Ansonsten würde heute jemand ganz anderer hier wohnen.

 

 

“Ich hatte das Glück, diesen Ort hier zu finden.”

 

 

Erzähle uns ein wenig über das, was du heute tust

Ich arbeitete in einer Markenberatungsagentur und war mit meiner Situation überhaupt nicht zufrieden. Als ich an einem späten Abend mit Madara, einer Grafikdesignerin, arbeitete, sagte ich geradeheraus: Wir können das hier für andere den Rest unseres Lebens tun und unzufrieden bleiben, oder wir geben unsere eigene Zeitschrift heraus. Sie sagte sofort ja. Was zu diesem Zeitpunkt noch ein Traum war, wurde schnell als ein Versprechen formuliert, unser Leben zu verändern. Nicht lange danach kündigte ich meinen Job und begann, von Grund auf an meiner Zeitschrift zu arbeiten. Benji Knewman ist ein zweisprachiges Bookazine, das zweimal pro Jahr mit persönlichen Berichten und Artikeln von und für Letten veröffentlicht wird. Es war Madara, die mich in die Indiemag-Szene einführte, die sich vor fünf Jahren noch in einem Frühstadium befand. Sie hat mich von Beginn an bei der Erstellung des Layouts unterstützt. Ansonsten führe ich die meisten Dinge aber selbst aus; von der Bearbeitung bis hin zum Versand. Es war nie geplant, heute hier zu stehen. Daher bin ich gleichermaßen überrascht und stolz über unser Resultat.

 

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Wie bist du ursprünglich zum Verfassen und Herausgeben gekommen?

Tatsächlich habe ich bereits mit 16 Jahren zu schreiben begonnen. Ich bin bei meinen Eltern in Liepāja direkt an der Ostsee aufgewachsen. Mit 18 war ich im Rahmen eines Austauschprogramms ein Jahr in Hiroshima in Japan, was für mich ein echtes Aha-Erlebnis darstellte. All das geschah noch vor dem großen Einzug des Internets. Ich schrieb also Briefe und kommunizierte mit meiner Familie über das Telefon. Doch dort erlebte ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass es nicht nur einen Weg gibt, um Dinge zu tun. Immer wenn ich heutzutage meine Eltern besuche, fahre ich am liebsten mit dem Bus und beobachte die Leute. Auch wenn sie oft nur mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Ich liebe es, den Lebensstil der Menschen zu beobachten – und genau diese Geschichten über Menschen sind der zentrale Bestandteil von Benji Knewman.

Benji Knewman ist international anerkannt, du besuchst Messen und Geschäfte auf der ganzen Welt. Dennoch verbrachtest du die meiste Zeit deines Lebens in Riga?

Nach Japan begann ich ein Französischstudium an der Kulturakademie und habe also auch ein Jahr in Frankreich gelebt. Dann zog ich aber hierher und habe bisher nicht daran gedacht, von hier wegzugehen. Ich befasse mich mit der Mentalität von Lettland, und da ist es viel besser, wenn ich hier bin. Die Welt von heute funktioniert ja so, dass ich jetzt nach New York oder London gehen und den New Yorker oder Londoner Lebensstil nach Riga zurückbringen könnte – ohne wirklich dort leben zu müssen.

 

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Dein Haus ist ein wenig wie ein Museum gestaltet. Wählst du die Dinge nach ihrer Optik oder ihrer Funktion aus?

Oh, ich lege sehr viel Wert auf die praktische Seite. Doch andererseits, wie viele praktische Dinge braucht man eigentlich? Ich denke, ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Schreibtisch. In jüngeren Jahren war mir Mode sehr wichtig. Ich denke, dass es sich oft so verhält. Zuerst beginnt man mit sich selbst und alles dreht sich um Klamotten, Klamotten, Klamotten. Später im Leben konzentriert man sich dann mehr auf die Umgebung. Was ich an Innenraumgestaltung besonders schätze, ist, dass Möbeltextilien sich nicht auf die selbe Art und Weise abtragen wie Kleidung. Eigentlich werden sie mit der Zeit sogar noch besser, wenn sie eine charakteristische Oberfläche bekommen. Ich finde es also nicht wichtig, wie die Dinge aussehen. Möglicherweise sieht es ein bisschen aus wie ein Museum. Aber ich brauche einen Ort, wo alles geordnet ist, weil ich jeden Tag so viele Dinge in meinem Kopf habe.

Du lebst seit sechs Jahren hier. Hat es schon immer so ausgesehen?

Haha, gar nicht. Ich habe im letzten Jahr alles umdekoriert. Jedes Mal, wenn der Frühling kommt, möchte ich neue Dinge haben. Und ich bin immer auf der Suche nach einer guten Ausrede, um mich nach neuen Sachen umzusehen. Arrangements habe ich immer schon gemocht, genauso wie die Schaffung von kleinen Inseln aus Dingen. Sogar in meinem Kühlschrank ist es mir wichtig, wie die Dinge angeordnet sind, und dass alles genau am richtigen Platz liegt.

 

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Was bedeutet das Wort Zuhause für dich heute?

Ich habe in Riga an vier verschiedenen Orten gelebt. Einer davon war vier Jahre lang bei meiner Tante, wo ich ein Bett mit einer Freundin von mir teilte. Im Prinzip ist das Zuhause dort, wo man selbst ist. Der Rest ist nur ein Rahmen, selbst stellt man das Bild dar.


Vielen Dank für deine Zeit, Agnese!

 

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